Sonntag, 5. November 2017 - 16:58 Uhr

Mikrofonauswahl - was ist nötig?

 

- wie viele  Mikrofone sollte man überhaupt verwenden, respektive anschaffen?

- was sollte mikrofoniert werden, was nicht?

- unter welchen Bedingungen und welchen Einsätzen?

- macht es Sinn als Band auf Verwendung der eigenen Mikrofone zu bestehen?

- wie wählt man das richtige Mikrofon - Typ, Richtcharakteristik, Empfindlichkeit etc.?

- wo und warum Funk oder nicht Funk?

- lieber viele billige Mikrofone, einige Mittelpreisige oder weniger teure?

- konkrete Mikrofonempfehlungen?

 

 


 

Hallöchen zusammen,

 

in dieser Gastbeitragsreihe soll es um Mikrofone im Live-Beschallungseinsatz gehen – das meint auch im Proberaum und bedingt auch um Mikrofone im einfacheren Recordingeinsatz.

 

An wen richtet sich das:

Nun, erstmal an all Euch Bands und Musiker da draussen und speziell auch an Eure Techniker, wenn Ihr denn eigene Mischleute für Eure Konzerte aufbietet.Interessant ist es sicher aber auch für kleinere und mittlere Beschaller und Techniker mit eigenem Equipment.

 

Noch nie in der Geschichte waren so gute praxistaugliche Mikrofone so günstig und in solcher Modell- und Technikvielfalt erhältlich und verfügbar. Gleiches gilt natürlich für die gesamte Veranstaltungs- und Recordingtechnik. Wer kann sich in Zeiten von Youtube vorstellen, heute noch mit einem 4-Spur-Kassettendeck ein „Demo“ zu erstellen – und dann mit der Briefpost zu verschicken?

 

Der Segen ist aber zugleich auch Fluch:

Zum Einen verleitet die leichte Verfügbarkeit viel zu schnell und viel zu viele Mikrofone zu kaufen und hinterher dann auch noch einsetzen zu wollen. Zum Anderen, wer soll sich im Dschungel der Modellvielfalt noch zurechtfinden?

 

Ich will versuchen, hier aufzuzeigen, für wen welche Anschaffung sinnvoll und/oder notwendig ist und wie man vorhandenes Budget am besten anlegt. Erstmal eher allgemein gehalten, schlussendlich aber bis hin zu konkreten Mikrofonempfehlungen mit ausführlichen Begründungen.

 

Vorab noch ein Extrembeispiel aus dem vorletzten Jahr:

Für einen Galaabend war eine 6-köpfige Band als reine Dinner-Hintergrundband gebucht: Drums, Bass, 2x Git, Keys und einmal Vox. Im Rider des bandeigenen Technikers stand unter anderem was von Bedarf an 48 Eingangskanälen und das er alle Mikrofone selbst mitbringen würde.

Bitte mal rechnen – wie bekommt man mit so einer Band 48 Kanäle voll? Ich war ehrlich sehr gespannt.

Also: 2 Mikrofone in der BD (Grenzfläche und ein dynamisches), 2 Snares, jeweils unten und oben abgenommen, Hihat, 6 Toms, einzeln abgenommen, 6 Becken, einzeln abgenommen, 1 Gebimmelbammel, einzeln abgenommen, dazu noch 4 Overheads... 24 Kanäle Schlagzeug! Als ich mal als Tontechniker angefangen habe, hat das für ein ganzes Festival gereicht...

 

Dazu 1x Bass über DI, 2 E-Gitarren, beide stereo abgenommen und 2 Acoustic-Git, eine stereo mit Mikrofon am Amp abgenommen (die 3 Gitarren mit insgesamt 6 Bändchen in 4 unterschiedlichen Modellen), eine über DI abgenommen. Keys 2x stereo über DI und 3 Mikrofon-Kanäle für ein Lesliekabinett. 2 mal Backgroundgesang, einmal Ansagemikrofon (alles dynamische Mikrofone, auch wieder andere Modelle) und dann für die Sängerin eine Handfunke. Also tatsächlich 43 Kanäle plus einmal Stereo für Zuspieler, Rest spare... davon 36 Mikrofone in 14 verschiedenen Modellen.

 

Nach eineinhalb Stunden reinen Schlagzeug-Soundchecks ohne sinnvolles Ergebnis und in brachialer Lautstärke - trotz mehrfacher Ermahnung - habe ich das als Produktionsleiter abgebrochen. Schlussendlich wurden am Schlagzeug drei Kanäle benötigt: BD für etwas Wumms, 2 der OH für etwas Bauch auf den Toms und etwas Brillanz auf Distanz – der Natursound war völlig ausreichend laut und brauchte eigentlich nur etwas Unterstützung und Formung.

 

Extremes Gegenbeispiel:

Kinderchor als Unterstützung einer Rockband auf derselben Bühne – der Chorleiter wollte den Chor ausschliesslich mit seinen beiden mitgebrachten Highend-Grossmembran-Studiomikrofonen abnehmen. Kann das funktionieren? Kaum, schlussendlich wurden alle 14 Kinder einzeln mit je einem günstigen Kondensatorgesangsmikrofon abgenommen.

 

Was zeigen diese Geschichten:

  • Mikrofonierung ist immer ein Kompromiss und muss jedes Mal neu gefunden werden,

  • ein Setup, das vielleicht schon mehrfach funktioniert hat, kann ein anderes Mal völlig falsch sein,

  • mehr heisst nicht immer besser, sehr oft ist sinnvolle Beschränkung viel zielführender,

  • aber zu viel Purismus kann genauso kontraproduktiv sein,

  • das eigene Material ist nicht unbedingt das bessere

  • und auch das nominell viel bessere Mikrofon kann für einen bestimmten Einsatz das schlechtere sein

 

Soviel für dieses Mal.

Ciao, Deschek

 


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